Der Sitz des Reiters

 

Mit Leichtigkeit sein Pferd in voller Harmonie unter sich bewegen zu können ist das Ziel eines jeden Reiters. Ein wichtiger Grundbaustein um dieses Ziel zu erreichen ist ein feines Reitergefühl welches aus einem in Balance geübtem, naturgemäßem Sitz entsteht.

 

Einen Sitz nach Schablone gibt es nicht.

 

Vollkommene Harmonie entsteht dann, wenn die Schwerpunktlinie des Reiters mit dem sich permanent verlagernden Schwerpunkt des Pferdes zusammenfällt. Der Reiter Gleichgewicht und Leichtigkeit im Sattel gefunden hat und jedes seiner Gelenke in der Lage ist, sich frei zu bewegen.

 

Der taktvolle, gut ausgebildete Reiter mit Gefühl für Rhythmus, fühlt wo der Schwerpunkt des Pferdes liegt und bringt sich mit diesem in Einklang. Er ist in der Lage, seinen, und den Schwerpunkt des Pferdes miteinander verschmelzen zu lassen und ihn so beliebig zu verlagern, um schön, leicht und ungebunden zu sitzen.

 

Hauptregel für diesen Gleichgewichtssitz ist die, dass der gerade gerichtete Rücken des Reiters auf dem des Pferdes stets senkrecht ruht.

 

Die Schultern werden zurückgerichtet, aber nicht hochgezogen. Das Brustbein wird leicht gehoben bei freier Atmung, der Oberarm hängt locker herab zum angewinkelten Ellenbogen. An das lockere Handgelenk schließt eine aufgerichtete Hand an. Das entspannte Gesäß mit freiem Hüftgelenk und flach anliegendem Oberschenkel geht über in einen natürlich hängenden Unterschenkel, an den das elastisch durchfedernde Fussgelenk anschließt.

 

Der Reiter darf nicht in eine bestimmte Form gepresst werden.

Ein guter Sitz basiert auf einem unbefangenen Geradesitzen, gerade so wie man gewachsen ist. Das lockere Gesäß sinkt in den Sattel und bewegt sich im Einklang mit dem Pferd, die Beine hängen natürlich herab. Einschmiegsam und weich.

Balance anstatt zusammengepresste Knie. Daraus entsteht die schöne Form des Sitzes. Eine stabile und gleichzeitig losgelassene Aufrichtung.

Ein guter Sitz hängt nicht allein von der Körperhaltung des Reiters ab, sondern ebenso von der guten Haltung und dem gleichmäßigen Gang des Pferdes.

 

Der Reitanfänger sollte das Sitzen auf einem gut ausgebildeten Pferd erlernen, welches in der Lage ist sich ausbalanciert auch reiterunabhängig zu bewegen.

10.000 Wiederholungen automatisieren eine Bewegung in der Feinform. In einer Reitstunde sitzt man in etwa 200x aus, d.h. 50 Reitstunden wären notwendig um den Bewegungsablauf des Aussitzens vollends zu beherrschen. Das heißt üben, üben, üben.

 

Besonders beim Zureiten junger Pferde ist das feine Reitergefühl aus dem geübten Reitersitz besonders wichtig.

 

Der professionelle Reiter gehört auf das unausgebildete Pferd. Der unausgebildete Reiter auf das vollends ausgebildete Pferd.

 

Wie erreicht man nun diesen so zweckmäßigen Gleichgewichtssitz, um den man zum guten Dressurreiten nicht drum herum kommt?

 

Erstens, durch Beobachten! Und zwar das Beobachten der Bewegung des Pferdes in den unterschiedlichen Gangarten.

Was machen die Hinterbeine? Welche Bewegung macht parallel dazu der Rücken des Pferdes?

 

Im Schritt und im Trab schiebt ein Hinterbein ab, während das Andere vorschwingt. Auf der jeweiligen Seite, wo das Bein in der Luft ist und vorgeführt wird, senkt sich der Rücken, auf der anderen Seite, wo das Bein gerade auffusst, hebt er sich.

Wenn ein gesatteltes Pferd mit lang herab hängenden Bügeln auf einen zugeht, kann man beobachten wie die Bügel im Wechsel gegen den Bauch des Pferdes pendeln. Der Bügel pendelt immer auf der Seite an den Bauch auf der das Bein vorgeführt wird. Nur einen Bruchteil einer Sekunde findet die Berührung statt.

 

Dieser Bewegungsablauf soll nun auch im Sattel erfühlt werden. Was spüre ich im Sattel in dem Moment in dem das Pferd sein Bein vorschwingt, bzw. aufstellt? Wie kommt die Rückenbewegung bei mir an? Sich dieses Zusammenspiel zu verinnerlichen ist das Fundament für eine solide Grundausbildung.

 

Erfühlen kann ich dies nur mit meinen Sitzbeinhöckern, dem gesamten Beckenring und den Oberschenkeln. Das muss geübt werden. Hier ist der Übertragungspunkt. Hier kommt die Bewegung des Pferdes an.

Anfangs ist es am einfachsten erst einmal nur locker zu sitzen und sein Pferd am losen Zügel schreiten zu lassen. Wann wird mein Becken wie bewegt? Was macht mein Pferd in dem Moment mit den Hinterbeinen?

Durch die Bewegung die im Rücken des Pferdes entsteht spürt man Stöße, die zuerst die Sitzbeinhöcker erreichen. Das Becken wird wechselseitig angehoben und gesenkt. Hebt sich der Rücken im Moment des Auffussens spürt man den Druck gegen das Sitzbein und wird einseitig angehoben, beim folgenden Schritt senkt er sich wieder, da das Hinterbein vorgeführt wird. So geht es immer im Wechsel.

 

Gehoben werden = Hinterbein am Boden

Absinken = Hinterbein in der Luft

 

Zu wissen wann sich welches Bein in der Luft befindet ist ausschlaggebend für das richtige Treiben. Das vorschwingende Bein kann beeinflusst werden in Schrittlänge und Schrittrichtung.

Das Stehende kann mit Energie versorgt werden, welche ein energischeres Abfussen auslösen kann.

 

Treiben soll Schwingung verstärken. Der Pferdekörper wird durch Schwingungen vorwärts bewegt, der Rumpf schwingt gegen den Reiterschenkel und dieser sorgt nur durch leichtes anstoßen an den schwingenden Körper dafür, dass der Schwung verstärkt wird.

Wie bei einem Pendel das man vermehrt zum Ausschwingen bringen möchte. Stößt man es zu stark, oder zum falschen Zeitpunkt an schwingt es nicht weiter aus, sondern kommt aus dem Takt oder sogar zum Stillstand.

 

Ein Reiterbecken das versucht das Pferd nach vorne zu schieben („Sattelauswischen“) und Schenkel die gleichzeitig Druck ausüben (auch im Trab) werden ein Pferd nicht zu einem raumgreifenden Schritt animieren können.

 

Sehen wir uns die Bewegung im Trab an. Das Heben des Rückens bleibt wechselseitig rechts, links. Die Bewegung die mich im Sattel erreicht verursacht ein wechselseitiges Schwingen der Hüften nach unten rückwärts und nach oben vorwärts (Pedale beim Radfahren rückwärts treten). Die linke Hüfte rückwärts nach rechts und die rechte Hüfte rückwärts nach links. Die Bewegung des Beckens ähnelt einem liegenden Oval, vorwärts aufwärts und abwärts rückwärts.

Um diese Bewegung ausführen zu können ist die Muskulatur unseres Unterbauches gefragt. Sie zieht das Becken nach oben vorne Richtung Bauchnabel bei aufgerichtetem Oberkörper und locker herabhängendem Bein.

Im Galopp dreht sich die Bewegung unseres Beckens dann um. Die Bewegung die nach hinten verlief wird zu einer Vorwärtsbewegung. Es geht nach unten vorne und aufwärts rückwärts und wieder nach unten vorne.

Der Galopp ist leichter zu sitzen, da sich der Pferderücken nun nicht mehr wechselseitig bewegt, sondern nur noch in einer Welle aufwärts rückwärts und abwärts vorwärts.

Gut üben kann man diese Bewegungen auf einem Gymnastikball.

Viel Spaß dabei!

 

Quellenangabe: Gustav Steinbrecht, Gymnasium des Pferdes / Udo Bürger, Vollendete Reitkunst / Joseph Kastner, Skript / Schusdziarra, Reitergespräche