Die barocke Reitkunst

 

 

 

 

Im Vordergrund steht eine ruhige, geduldige und somit harmonische Arbeit mit dem Pferd. Ausgeglichene, brave und zufriedene Pferde sind der Lohn.

 

 

Klassische Reitkunst / Barockreiten

Was ist das überhaupt genau?

 

Barockreiten? Gibt es das? Genau genommen: Nein! Nur eins kann man beim Wort Barock eindeutig definieren - das Zeitalter! (ca. 1600-1750)

In dieser Zeit wurde natürlich auch geritten. Meist auf iberischen Pferden, denen Lektionen wie Piaffe und Passage oftmals leichter fielen als den heutigen Sportpferden.

 

 

Was also war so barock am barocken Reiten?

 

Zunächst einmal die barocken Pferde! -quadratisch, kurz, wendig mit kräftigen Hälsen und viel Behang.

 

 

Welche Anforderungen wurden an das Barockpferd gestellt?

 

Derzeitiges Kriegsgerät für Kriege die mit Hieb-und Stichwaffen geführt wurden.

Im Vordergrund standen nicht Raumgriff und Vorwärtsdrang, wie später zu Zeiten Napoleons, sondern:

 

  • Wendigkeit auf kleinstem Raum
  • Pferde, die auf kleinste Hilfen hin flinke Richtungs- und Tempowechsel schafften
  • Pferde die auf jedem Bein gleich agil waren, vorne und hinten nach Bedarf steigen und auskeilen konnten
  • Pferde die leicht auf der Hand und ggf. nur auf Gewichtshilfen gelenkt werden konnten
  • nervenstarke, koorperationswillige, feinfühlige und temperamentvolle Pferde

 

Bereits im ausgehenden Barock des 18. Jahrhunderts wurde aus dem einstigen Nahkampfspezialisten eher ein Repräsentationsobjekt.

Hier muss bereits klar von der klassischen Reitkunst gesprochen werden. Pferde und Reiter wurden über viele Jahre hinweg, bei Hofe, äußerst gründlich ausgebildet. Reiten wurde zu einer Kunst! Die Kunst das Pferd mit unsichtbaren Hilfen in voller Harmonie zu dirigieren.

Das Pferd wurde mehr und mehr zu einem Statussymbol des Adels. Es sollte Adel, Feuer und Temperament ausstrahlen.

In den Reitakademien lernte die Elite des Adels nicht nur über viele Jahre Reiten, sondern auch Fechten, Tanzen, die feinen Künste und Wissenschaften.

 

 

Wie ritt man in dieser Zeit?

  • der Sitz war tief, mit langem Bein, das leger am Pferd herab hing
  • geritten wurde zumeist einhändig auf blanker Kandare, oder auch mit Unterlegtrense
  • in der rechten Hand hielt der Reiter die Weidenrute in die Luft gestreckt
  • es sollte nie mehr als das Gewicht des Zügels in der Hand gehalten werden

 

Die Lektionen!

  • Grundgangarten
  • Seitengänge, wie Schulterherein, Travers, Renvers
  • Piaffe, Passage
  • Schulsprünge

 

Zuerst wurden Schritt und Trab gefördert, daraus die Seitengänge. Dann schon folgte vor der Galopparbeit die Erarbeitung der Piaffe (Trab am Platz) , die Grundlage für die:

 

 

Schulen über der Erde: Levade, Pesade, Ballotade, Kruppade, Courbette, Meziar und Kapriole.

 

Erst wenn ein Pferd perfekt piaffieren konnte wurde es galoppiert.

Die Pferde damals wurden älter als unsere heutigen Sportpferde und erbrachten bis ins hohe Alter volle Leistung.

So ritt der preußische König Friedrich der Große in der Schlacht von Mollwitz einen 40-jährigen Hengst!!!

Das Barock also ein Schlaraffenland für Pferdefreunde? Keineswegs.

Es gab gewiss mörderische Gebisse und Kandarren, reichlich schlechte Ausbilder und Reiter und folglich auch viele schlecht gerittene Pferde, also wie heute!

Und dennoch: bei den guten Reitern und Pferden war die Harmonie eine andere; denn Ziel war nicht die Jagd nach Turniersieg. Reiten war Ausdruck einer Lebenseinstellung und edlen Gesinnung; Pferd und Reiter sollten ihren Adel durch Ausdruck und Harmonie der Bewegungen zeigen. Erst dann wurde aus bloßem Reiten Reitkunst.

 

 

Wie kam der Wandel zum heutigen Reitsport?

 

Zu Zeiten Napoleons änderte sich die Kriegsführung.

Man benötigte Pferde mit mehr Raumgriff und Vorwärtsdrang. Die Pferdezucht wurde stark vom Vollblüter beeinflusst der diese Eigenschaften mitbrachte. Die Ausbildung der Reiter beschränkte sich nur noch auf das Nötigste. Nicht mehr die Qualität stand im Vordergrund, sondern die Masse. Die Reitkunst geriet in den Hintergrund.

Unser heutiger moderner Reitsport basiert auf dieser Militärreiterei.

 

 

Die alten Reitmeister!

 

Es gab natürliche viele Reitmeister in der vergangenen Zeit. Angefangen bei Xenophon, der die erste Reitlehre bereits vor Christi Geburt verfasst hat, bis zur heutigen Zeit.

 

Hier möchte ich ihnen 2 der bekanntesten Reitmeister des Barocks vorstellen:

 

Francois Robichon de la Guériniére und Francois Baucher

 

Francois Robichon de la Guériniére (1688-1751, Frankreich)

 

Der Erfinder unseres Reitersitzes!

 

Autor des Buches: „Ecole de Cavalerie" das kurz nach seinem erscheinen, in mehreren Sprachen, weltberühmt wird. Bis heute gilt es als maßgebend für die Dressurwelt, da es den Weg für die wahre klassische Schule erst eröffnet hat.

Er war Leiter der Académie des Tulleries. Königlicher Stallmeister.

Nicht nur der heute noch gültige Reitersitz und Pritschensattel sind auf Guériniére zurückzuführen, auch das Schulterherein und die halben Paraden werden mit seinem Namen verbunden. Von äußerster Wichtigkeit sind ihm gymnastizierende Übungen, um die Pferdemuskulatur zu stärken und um Losgelassenheit, Gleichgewicht, Gehorsam und Versammlung zu erreichen.

 

 

Francois Baucher (1796-1873, Frankreich/Italien)

 

Balance und Entspannung!

 

Nach Aufenthalten in Italien übernimmt Baucher die Leitung von zwei Reitschulen in Frankreich und beobachtet die Pferde sehr ausgiebig. Er kommt zu der Erkenntniss, dass Widersetzlichkeit und Widerstand gegen reiterliche Einwirkung mit Verspannungen und Gebäudefehlern einhergehen. Verspannung bringt Widersetzlichkeit hervor, aber Widerstand gegen die Einwirkung löst auch Verspannung aus. Diese Erkenntnis ist revolutionär.

So beginnt Baucher bereits mit dem lösen von Verspannungen an der Hand. Er lässt das Pferd abkauen und biegt es im Stand. Darüber handelt auch sein Buch „Méthode d´equitation, basée sur de nouveaux principes", welches sehr kritisch aufgenommen wird. Doch er beeindruckt letztendlich mit seiner Leistung.

Sein Gebot:"Balance beginnt schon im Halten!"

Sein ganzes Leben lang feilt Baucher an seiner Reitlehre und verbessert immer weiter seine Methoden im Umgang mit dem Pferd. Grundpfeiler bleiben dabei stets Entspannung, Gleichgewicht und Reaktion auf die Hilfen.